Sonntag, 24. Mai 2026
Etappe 10: La Penne-sur-Huveaune – Saint-Jean-de-Garguier
21.5 km mit anfänglicher Steigung, alpin
Nach dem herzlichen Abschied von unseren privaten Gastgebern in La Penne-sur-Huveaune brechen wir am Morgen zu unserer nächsten Etappe auf. Siena, Cordulas Schweizer Sennenhündin, begleitet uns dieses Mal nicht, da es iel zu heiß für sie wäre. Daher bietet es sich auch an, dass wir auf der zweiten Hälfte der Pilgerroute hauptsächlich bei den privaten Gastgebern übernachten. Hier sind wir nicht einfach nur Gäste, sondern werden wie ein Teil der Familie aufgenommen. Unsere Gastgeber öffnen uns nicht nur ihre Haustür, sondern auch ihr Herz. Aus Fremden werden für einen Abend Weggefährten. In gemeinsamen Gesprächen, einem einfachen Abendessen oder einer herzlichen Begrüßung wird spürbar, dass Pilgern seit jeher von Vertrauen und gegenseitiger Fürsorge lebt. Gerade auf dem Weg der Maria Magdalena scheint dieser Geist bis heute lebendig zu sein – nicht in großen Gesten, sondern in der selbstverständlichen Bereitschaft, anderen auf ihrem Weg ein Stück Heimat zu schenken.
Zurück zur Route: Die gestrige Wanderung durch die Berglandschaft hat uns so gut gefallen, dass wir uns erneut für den Weg über die Höhen entscheiden. Diesmal folgen wir einem etwas weiter nördlich verlaufenden Pfad entlang steil abfallender Felswände. Die Ausblicke sind grandios – doch an einigen Stellen ist der Weg nichts für schwache Nerven, sprich für Pilger mit Höhenangst.

In der Nähe des Télégraphe treffen wir wieder auf den offiziellen Pilgerweg. Inzwischen brennt die Sonne erbarmungslos auf die hellen Kalkfelsen, und jeder Anstieg kostet etwas mehr Kraft. Dann geht es bergab und wir wandern von Bäumen beschattet entlang der Bahnstrecke über Fenestrelles und La Coueste in Richtung Aubagne. Mehrfach queren wir die Gleise durch kleine Unterführungen.
Zur Mittagszeit erreichen wir Aubagne. Die Straßen sind nahezu menschenleer – Siesta-Zeit. Auch wir legen eine Pause ein, suchen den Schatten auf dem Kirchplatz und genießen eine eiskalte Cola. Bereits in der Antike verlief in Aubagne eine bedeutende Handelsroute zwischen Marseille und dem landwirtschaftlich gepägtem Landesinneren. Bekannt wurde die Stadt später vor allem durch ihre traditionsreiche Keramikkunst und die Santons – liebevoll von Hand gefertigte Tonfiguren, die bis heute fester Bestandteil der provenzalischen Weihnachtskrippen sind. Untrennbar mit der Stadt verbunden ist auch der Schriftsteller Marcel Pagnol, der hier 1895 geboren wurde. In seinen Romanen und Erinnerungen schilderte er die Landschaften der Provence mit großer Liebe zum Detail. Viele der Hügel, Wege und kleinen Dörfer, an denen wir heute vorbeikommen, finden sich auch in seinen Erzählungen wieder und haben das Bild der Provence weit über Frankreich hinaus geprägt.

Bis zu unserem heutigen Etappenziel Saint-Jean-de-Garguier liegt jedoch ein wenig abwechslungsreicher Abschnitt vor uns. Ungeschützt folgen wir der Straße durch das breite Tal der Huveaune, die zu dieser Jahreszeit nur wenig Wasser führt. Die Hitze flimmert über dem Asphalt, jeder Schritt kostet Kraft. Meist gehen wir schweigend nebeneinander her und hoffen, hinter der nächsten Wegbiegung endlich das Haus unseres heutigen Gastgebers zu erreichen.

