Donnerstag, 29. Oktober 2025

6. Etappe: Carry-le-Rouet – Le Rove

18 km, mit Steigungen

Der Morgen beginnt in Carry-le-Rouet mit einem Himmel, der sich nicht entscheiden kann. Dunkle Wolken ziehen über das Mittelmeer, werden vom Mistral zerrissen und geben immer wieder den Blick auf die Sonne frei. Das Licht verändert sich im Minutentakt – die Küste liegt mal im Schatten, dann wieder in warmen goldenen Farben.

Wir verlassen den kleinen Hafen und folgen weiter der Côte Bleue. Aber der Einstieg ist schwierig zu finden. Cordula ist gefordert. Sind wir überhaupt richtig? Nach einigem Suchen finden wir den (sehr) schmalen Einstieg in die weitere Route. Wir erreichen über schmale Pfade Le Rouet, Le Redonne, Les Figuières, Petit Méjean und Grand Méjean, allesamt kleine, pittoreske Häfen mit weißen Booten, schmalen Stegen zwischen den Felsen – und darüber der salzige Duft des Meeres.

Der Weg bleibt immer nah am Wasser. Über Kalkfelsen, zwischen Aleppo-Kiefern und Macchia führt uns der Pfad weiter. Rosmarin, Myrte und Thymian liegen in der Luft, sobald der Wind durch die Sträucher streicht. Die Côte Bleue zeigt, warum sie ihren Namen trägt: unzählige Blautöne im Wasser, tief und dunkel unter den Wolken, türkis in flachen Buchten, silbrig dort, wo das Licht auf die Oberfläche fällt.

In den Calanques von Petit Méjean und Grand Méjean liegt das Meer fast still zwischen den Felsen, als würde es für einen Moment den Atem anhalten. Nur wenige hundert Meter weiter draußen bricht die Gischt gegen die Steilküste. Immer wieder bleiben wir stehen. Nicht, weil der Weg schwer ist, sondern weil sich hinter jeder Biegung ein neuer Blick öffnet – wie wunderschön ist es hier!

Hinter Grand Méjean verlässt der Weg die Küste und steigt steil ins Massif de la Nerthe an. Ab hier sind die Calanques zu gefährlich. Unser Weg windet sich in Kehren nach oben, durch Kalkstein, niedrige Vegetation und eine vom Wind geformte Landschaft. Der Mistral wird jetzt stärker.

Oben öffnet sich plötzlich ein weiter Blick zurück auf den gesamten Weg der letzten Tage: der Étang de Berre, Martigues, die Côte Bleue bis hin zum Leuchtturm von Sausset-les-Pins. Vor uns liegt das Mittelmeer, Marseille am Horizont, darüber die Silhouette der Notre Dame de la Garde, davor die Inseln des Frioul-Archipels, die wie helle Punkte im Blau hervorblitzen. Die bekannteste Insel ist die Île d’If, deren Festung durch Alexandre Dumas’ Der Graf von Monte Christo weltberühmt wurde.

Der Abstieg nach Le Rove beginnt am späten Nachmittag. Das Dorf liegt ruhig an den Hängen, über ihm eine Marienstatue, die weit über das Tal und zur Notre Dame de la Garde hinüber blickt.

Wir beziehen unsere schlichte Unterkunft im Hôtel L’Instant. Am Abend gehen wir noch einmal mit Siena durch das Dorf. Zufällig entdecken wir das kleine Restaurant Sisters und genießen den besten Butternut-Kürbis mit Garnelen ever und natürlich einen guten Tropfen aus der Region…