Dienstag, 27. Oktober 2025
4. Etappe: Martique – Sausset-les-Pins
25 km, anfänglich Steigung
Dienstagmorgen erreichen wir oberhalb von Martigues das Vallon du Mistral. Drei alte Windmühlen stehen dort auf dem Höhenzug – stille Zeugen einer Zeit, in der der Wind das Leben dieser Landschaft prägte. Heute drehen sich ihre Flügel nicht mehr, doch ihr Blick geht weiter hinaus über die Hügel. Hinter uns verschwindet Martigues, vor uns erscheint die Côte Bleue – die felsige Küste zwischen Marseille und Martigues, benannt nach dem intensiven Blau des Mittelmeers.

Wie schon an den vorherigen Tagen bleibt die Wegführung nicht immer eindeutig. Nach der Ortschaft Saint-Pierre werden die Markierungen der Route spärlicher und verlieren sich zwischen Forstwegen und Pfaden. An einer Kreuzung treffen wir ein Ehepaar, das uns einen anderen Weg empfiehlt. Wir danken freundlich, entscheiden uns jedoch, bei unserer Karte zu bleiben.
Für einen Moment entsteht Unsicherheit – Karten werden verglichen, Spuren gesucht, Abzweigungen geprüft. Doch genau diese Momente gehören inzwischen zum Pilgern dazu: der Weg fordert Vertrauen, Aufmerksamkeit und das Weitergehen im Ungewissen. Schließlich finden wir die nächste Markierung und setzen den Weg erleichtert fort.

Die Landschaft verändert sich langsam. Zwischen Steineichen, Rosmarin und Macchia mischt sich ein neuer Duft: Salz. Zuerst kaum wahrnehmbar, dann immer deutlicher. Noch bevor wir das Meer sehen, ist es bereits da.
Wir sind auf dem richtigen Weg und als wir am Mittag das Meer erreichen, gönnen wir uns in Carro einen köstlichen Crêpe mit Schinken und Käse. Ab sofort ist das Meer unser Richtungsweiser. Bis nach Sausset les Pins wandern wir entlang des Meeressaums und bestaunen zahlreiche Kite-Surfer, die über das glitzernde Meer fliegen – ein bunter, lebendiger Kontrast zu unserem ruhigen Pilgerweg.

Am späten Nachmittag kommen wir am Cap Croix an der Chapelle Sainte-Croix vorbei. Nach der Legende soll Maria Magdalena hier einen kurzen Stopp eingelegt haben oder sogar gelandet sein. Die Kapelle aus dem 17. Jahrhundert steht an der Stelle einer älteren Kirche aus dem 12. Jahrhundert. Sie befindet sich in einem Gebiet, das früher als „Terre Sainte“ bekannt war. Auch diese Kapelle ist ein bedeutendes Pilgerziel auf dem Weg von Saintes-Maries-de-la-Mer nach Saint-Maximin-la-Sainte-Baume, dem 222 km langen Pilgerweg, der in zehn Etappen verläuft und wichtige christliche Stätten und Monumente verbindet.

Bei Dunkelheit erreichen wir Sausset-les-Pins. Das charmante Küstendorf empfängt uns mit seinem malerischen Hafen, Wellen und der ruhigen, blaubeleuchteten Atmosphäre – der perfekte Ort zum Ausruhen nach einem langen Pilgertag. Am 14. September 2024 wurden im Park des Loisirs die Dortoirs für Wanderer und Pilger feierlich eingeweiht. Die schlichte Pilger-Unterkunft bietet Pilgern und Wanderern einen sicheren, warmen Ort zum Übernachten.

In der Dunkelheit suchen wir den Eingang. Doch sobald wir unser Zimmer beziehen, fällt die Erschöpfung von uns ab. Wir essen den Rest unseres Proviantes und schlafen wenig später tief und fest in unseren Stockbetten – bereit für die nächste Etappe.

