Mittwoch, 28. Oktober 2025
5. Etappe: Sausset-les-Pins – Carry-le-Rouet
10 km
Der Morgen beginnt ruhig in Sausset-les-Pins. Über dem kleinen Hafen liegt noch die frische Luft der Nacht, während die ersten Sonnenstrahlen das Meer in silbriges Licht tauchen. Bevor wir aufbrechen, werfen wir noch einmal einen Blick zurück auf den Leuchtturm von Sausset. In den vergangenen Stunden war er Orientierungspunkt und stiller Begleiter. Nun bleibt er langsam hinter uns.
Bevor wir den Ort verlassen, machen wir noch einen kurzen Halt im Supermarkt. Auch Siena braucht ihre Wegzehrung. Während wir ihren Futternapf füllen, wird uns bewusst, dass Pilgern nicht nur aus großen Gedanken und weiten Landschaften besteht. Es sind oft die ganz alltäglichen Handgriffe, die den Rhythmus des Tages bestimmen und den Weg erst möglich machen.
Die heutige Etappe ist bewusst kurz. Nach den langen Strecken der vergangenen Tage eine willkommene Erholungsrunde. Schon bald erreichen wir ein kleines Café in La Cale. Auf der Terrasse genießen wir einen Cappuccino, während der Blick über das glitzernde Mittelmeer schweift. Wenig später bleiben wir an einer Informationstafel stehen. Darauf steht in großen Buchstaben: „Tourist not welcome.“

Der Satz wirkt zunächst irritierend. Er richtet sich weniger gegen einzelne Besucher als gegen die Folgen eines Tourismus, der vielerorts empfindliche Landschaften verändert. Auch wir sind Gäste in dieser Region. Wir benutzen ihre Wege, genießen ihre Schönheit und hinterlassen Spuren. Pilgern bedeutet vielleicht auch, sich dieser Verantwortung immer wieder bewusst zu werden: achtsam unterwegs zu sein, mit Respekt gegenüber den Menschen, der Natur und den Orten, die uns aufnehmen.
Der Küstenweg führt weiter über den Sentier du Lézard, den „Weg der Eidechse“. Zwischen hellem Kalkgestein, Aleppo-Kiefern und niedriger Macchia schlängelt sich der schmale Pfad dicht am Meer entlang. Sein Name scheint gut gewählt. Wie eine Eidechse folgt der Weg den warmen Felsen.
Immer wieder öffnen sich kleine Buchten. Das Wasser schimmert in wechselnden Blautönen, Möwen ziehen über die Küste, und das gleichmäßige Rauschen der Wellen begleitet unsere Schritte. Nach den weiten Ebenen der Camargue und den stillen Wassern des Étang de Berre hat das Meer inzwischen seinen eigenen Rhythmus vorgegeben.
Am frühen Nachmittag erreichen wir Carry-le-Rouet.

Der kleine Hafen liegt geschützt zwischen den Felsen der Côte Bleue. Fischerboote und Segelyachten schaukeln sanft im Wasser, während Palmen die Promenade säumen. Im Office de Tourisme erhalten wir den Pilgerstempel für diese Etappe.
Von dort führt unser Weg durch ruhige Wohnstraßen mit mediterranen Gärten hinauf zu unserer Unterkunft, den Les Chambres du Grand Mornas. Noël und seine Frau empfangen uns herzlich und öffnen nicht nur ihr Haus, sondern lassen uns auch an ihrem Alltag teilnehmen.
Der Hotel-Garten wirkt wie eine kleine Oase. Eine Hängematte spannt sich zwischen den Bäumen, irgendwo erklingt leise ein Windspiel, und über allem liegt die Wärme eines Herbstnachmittags an der Mittelmeerküste. Zum ersten Mal seit einigen Tagen bleibt genügend Zeit, einfach anzukommen. Wir sind begeistert wohin uns Maria Magdalena führt …dieses Mal auch in die Annehmlichkeiten eines charmanten Privathotels.

Am Abend sind wir bei Katrin, einer Freundin von mir (Rose) und ihrer Familie eingeladen. Beim Essen erzählen wir von unserem Pilgerweg, hören aber ebenso aufmerksam zu. Es geht um das Leben an der Côte Bleue, um die Menschen dieser Region und darum, wie die Familie ihre Heimat erleben. Solche Begegnungen lassen sich nicht planen. Sie entstehen unterwegs und gehören oft zu den wertvollsten Erinnerungen.
Unser kurzer Pilgertag geht fröhlich und genussvoll zu Ende. Nicht die Länge des Weges bestimmt seine Bedeutung, sondern die Menschen, denen wir begegnen.

