Dienstag, 26. Mai 2026

Etappe 12: Plan d’Aups – Rougiers

 

Den Tag beginnen wir mit der Laudes in der Kapelle der Hostellerie. Die schlichten gregorianischen Gesänge der Dominikaner erfüllen den Raum und begleiten uns noch lange, als wir anschließend aufbrechen.

Unser Weg führt über den Chemin des Roys nach Nans-les-Pins. Dieser „Königsweg“ zählt zu den ältesten Pilgerwegen der Provence. Seit dem Mittelalter zogen hier Pilger, Adlige und sogar Könige zur Grotte der Maria Magdalena in der Sainte-Baume. Auch Ludwig IX., der heilige König Frankreichs, soll diesen Weg gegangen sein. Während wir Schritt für Schritt voranschreiten, wird uns bewusst, dass schon unzählige Menschen vor uns diesen Pfad beschritten haben.

Heute soll es noch heißer werden als am Vortag. Umso dankbarer sind wir, dass der Weg überwiegend durch den Wald führt. Das dichte Blätterdach spendet angenehmen Schatten. Nach den steinigen, sonnenbeschienenen Höhenzügen des gestrigen Tages empfinden wir das Gehen beinahe als leicht. Wie schon an den vergangenen Tagen begegnen uns nur wenige Pilger. Erst in Nans-les-Pins treffen wir zwei Frauen, die ebenfalls auf der Route der Maria Magdalena unterwegs sind. Noch immer scheint dieser Pilgerweg ein echter Geheimtipp zu sein. Häufig werden wir eher für Wandernde als für Pilgernde gehalten – kein Wunder, denn die Route folgt über weite Strecken bestehenden Fernwanderwegen. Äußerlich gibt es kaum einen Unterschied.

Ab Marseille war die Wegführung deutlich besser ausgeschildert als auf den ersten Etappen, die wir bereits im Herbst 2025 gegangen sind. Immer wieder weisen uns die charakteristischen Wegzeichen, die eine Barke mit Kreuz zeigen, den richtigen Weg. Dennoch bleibt Aufmerksamkeit gefragt. Anders als auf vielen bekannten Pilgerwegen lässt sich der Rhythmus des Gehens nicht einfach der Beschilderung überlassen – Orientierung gehört hier immer wieder zum Pilgern dazu und zählt zum Pflichtprogramm!

In Nans-les-Pins, das seit Jahrhunderten eng mit der Wallfahrt zur Sainte-Baume verbunden ist, legen wir eine kurze Pause ein. Der Ort entwickelte sich entlang des Chemin des Rois und war über Generationen hinweg eine wichtige Station für Pilger. Dolmen, vorgeschichtliche Siedlungsspuren und die Ruinen des Vieux Nans erzählen von einer jahrtausendealten Besiedlung dieser Landschaft.

Von hier führt der Weg über einen Bergrücken in Richtung Rougiers. Leider fällt der Anstieg genau in die Mittagshitze. Schatten gibt es kaum, und die Sonne brennt erbarmungslos auf die Hänge. Im Nachhinein wäre es wohl klüger gewesen, noch etwas länger im beschaulichen Nans-les-Pins zu verweilen und die größte Hitze bei einem kühlen Getränk in einem der hübschen Straßencafés „auszusitzen“.

Kurz vor Rougiers erreichen wir das hoch gelegene Castrum Saint-Jean, die Ruinen einer mittelalterlichen Befestigungsanlage. Von den alten Mauern eröffnet sich ein weiter Blick über die Provence bis hin zur Basilika von Saint-Maximin-la-Sainte-Baume – unserem morgigen Pilgerziel. Zwischen den Steinen leuchtet gelber Ginster, eine weiße Marienstatue wacht über den Ort. Einst diente die Anhöhe der Überwachung des Tales, heute lädt sie dazu ein, innezuhalten und den Blick in die Ferne schweifen zu lassen.

Der anschließende Abstieg fordert besonders Cordulas ohnehin angeschlagenes Knie. Vorsichtig setzt sie Schritt für Schritt und ist dankbar für jeden ebenen Abschnitt des Weges. Am späten Nachmittag erreichen wir schließlich Rougiers, ein ruhiges provenzalisches Dorf am Nordrand des Massif de la Sainte-Baume. Schmale Gassen, historische Fassaden und die umliegenden Weinberge verleihen dem Ort seinen ganz eigenen Charme.

Unsere heutigen Hospitaliers empfangen uns mit großer Herzlichkeit als sie uns in Rougiers abholen. Nach der Hitze des Tages genießen wir die Ruhe des Abends und lassen die vielen Eindrücke der vergangenen Etappen noch einmal nachklingen. Morgen wartet die letzte Etappe – der Weg nach Saint-Maximin-la-Sainte-Baume, dem Ziel unserer Pilgerreise.