Samstag, 25. Oktober 2025
Etappe 2: Salin de Giraud – Saint-Mitre-les-Remparts
31 km, leichte Steigung gegen Ende des Trails
Heute haben wir die längste Etappe mit 31 km vor uns. Der Grund: Nicht jede Herberge akzeptiert Hunde, sodass wir unsere Etappen an die „Hundefreundlichkeit“ der Unterkunftsmöglichkeiten angepasst haben. Das bedeutet, die Etappe 2 kann auch verkürzt werden, wenn man bspw. in Fos sur Mer übernachtet.
Rückblick: Mas Saint Bertrand entpuppte sich auf den zweiten Blick als absoluter Glücksgriff. Das alte Landgut liegt ruhig zwischen Bäumen und offenen Wiesen. Die Zimmer sind schlicht und genau das, was müde Pilger brauchen. Am Abend zeigt das Mas sein wahres Gesicht. Es ist nicht nur Herberge, sondern auch Künstlerkolonie. Zwischen großformatigen Gemälden, Skulpturen und kleinen Antiquitäten der Mutter, bereitet der Sohn das Abendessen zu. Die Atmosphäre ist herzlich, ungezwungen. Serviert werden einfache Gerichte aus regionalen Zutaten – frisches Gemüse, Olivenöl, Kräuter der Provence und die Aromen des Mittelmeers. Wir genießen das Essen und den Wein. Wunschlos sinken wir in unsere Betten.

Wir stehen vor Sonnenaufgang auf und richten unsere Rucksäcke. Schon am Vorabend hatten wir mit den Gastwirten vereinbart, ohne Frühstück bis zum nächsten Ort – Salin-de-Giraud – zu laufen. Der Tag ist eng getaktet: Wir müssen eine Fähre, einen Bus und eine weite Strecke zu Fuß bewältigen. Das bedeutet zunächst etwa 16 Kilometer bis nach Port-Saint-Louis und anschließend weitere 15 Kilometer von Fos-sur-Mer nach Sainte-Mître-les-Remparts.
Noch bevor wir losgehen, bemerkt Cordula, dass wir Sienas Futternapf im Atelier vergessen habe – genau in dem Raum, der über Nacht abgeschlossen wurde. Der Napf ist nicht unersetzlich, aber später werden wir noch lernen, wie wichtig es ist, dass Siena nicht aus Pfützen trinkt.
Nach kurzem Zögern rufen wir die Gastgeberin an und reissen sie leider aus dem Schlaf. Ohne zu klagen, kommt sie wenig später mit dem Auto, schließt das Atelier auf und bringt uns den Napf. Dabei erkundigt sie sich, ob wir unsere Pilgerstempel hätten – auch das hatten wir am Vorabend vergessen. Solche Gesten tragen uns auf unserem Weg.
Die Sonne geht langsam auf als wir uns Salin de Giraud nähern. Dort der erste Halt. Ein kleiner Alimentari bietet heißen Café und herrlich duftende Croissants an. Wir rasten eine weile und studieren nochmal die Karte. Neugierig geworden, sprechen uns Einheimische an. Pilgerinnen, zumal mit Hund „avec sac à dos“, sind echt selten.

Heute schauen wir auf die Uhr!
Wir müssen die Fähre erreichen, die uns über die kleine Rhône nach Port-Saint-Louis-du-Rhône bringt. Von dort aus nehmen wir die Bus-Linie 2. Denn ab hier beginnt industrielles Risikogebiet! Krass! Durch die trüben Autoscheiben sehen wir den größten Umschlagplatz im europäischen Gashandel, dessen Pipelines in die Schweiz, ins Elsass und sogar nach Karlsruhe (!) führen. Hier Marseille-Fos, die größte Tankstelle Europas, Schornsteine, Fabrikgebäude, Öltanks, Lagerhallen, Kräne und Baustellen, fast beängstigend und dort die weißen Strände des Golfe du Fos, die an Sommerwochenenden rappelvoll sind. Draußen auf dem Meer warten Ozeanriesen auf einen Platz im Hafen.
In Fos sur Mer halten wir uns nördlich und lassen das Meer erstmal hinter uns.
Hier beginnen die Salzseen, die der Mensch mit dem Meer verbunden hat. Wir tauchen ein in eine wald- und seenreiche Landschaft und finden mit pfadfinderischem Geschick den ansteigenden Pfad zum Oppidum Sainte Blaise.

Cordula beschreibt es so: „Der Étang de Lavalduc ist einer der zahlreichen großen Salzgewinnungsseen im Rhône-Delta. Diese flachen, salzhaltigen Lagunen dienen nicht nur der Salzproduktion, sondern sind auch wichtige Lebensräume für zahlreiche Vogelarten, darunter Flamingos, Löffler und verschiedene Entenarten.
Zwar entdecken wir heute die erste (!), und später noch einige weitere Wegmarkierungen der Maria Magdalena Route, dennoch ist die Wegführung an manchen Stellen, zum Beispiel beim Unterqueren der Gleise, leicht verwirrend bis katastrophal. Wir arbeiten daher fortwährend mit Topoguide und Online-Landkarte, denn die Markierungen sind oft eine reine Glückssache!“

Obwohl wir nur eine kurze Frühstückspause eingelegt hatten, sind wir erst um 17:00 Uhr auf der Anhöhe von Saintes Blaise angekommen, eine bedeutende archäologische Stätte. Leider schließt das Museum gerade, aber wir können dank Cordulas perfekten Sprachkenntnissen mit dem Museumsvorsteher Nabil sprechen. Auf einmal ist Maria Magdalena präsent. Laut Nabil gibt es gute Gründe zu vermuten, dass Maria Magdalena hier wirkte. „Zur ihrer Zeit lebten bereits Kelten in dieser Region, und sie könnte Schutz auf ihrem Weg von Sainte-Maries-de-la-Mer nach Marseille gesucht haben. Von der Anhöhe aus hat man einen Überblick. Bis nach Marseille ist das Meer einsichtig und kann kontrolliert werden. Offensichtlich tat dies Maria Magdalena, weil sie Angst vor Verfolgern hatte. Damit verbindet die Kapelle keltische Ursprünge, biblische Legende und christliche Pilgertradition auf einzigartige Weise.“

Die heutige Kapelle ist Saint Blaise geweiht, einem Bischof und Heiligen des 4. Jahrhunderts, bekannt als Schutzpatron gegen Halskrankheiten. Die spirituelle Bedeutung des Ortes wurde über die Jahrhunderte immer wieder erweitert: Pilgernde der Provence betrachteten ihn als Kraftort.
Mittlerweile ist es spät geworden.
Das Licht schwindet rasch, und wir überlegen kurz, ob wir die Straße, den schnelleren Weg ins Tal weiterlaufen sollen. Der Pfad daneben ist angenehm begehbar, nicht zu steinig, also entcsheiden wir uns, ihm ihm abwärts zu folgen. Sehr müde erreichen wir schließlich in der Dunkelheit gegen 19:30 Uhr Saint-Mitre-les-Remparts.
Der Ort besitzt eine lange Geschichte: Schon im Mittelalter wurde der Hügel befestigt, und die Stadtmauern aus dem 14. Jahrhundert prägen das Bild bis heute. Der Name verweist auf den heiligen Mitre, einen Märtyrer aus dem 1. Jahrhundert, dessen Verehrung sich früh in der Provence ausbreitete. Enge Gassen, kleine steinerne Häuser und die Nähe zu den Seen verleihen dem Ort seit jeher eine besondere, schlichte Atmosphäre.
Unser Gastgeber empfängt uns freundlich. Allmählich fällt die Anspannung des Tages von uns ab, und wir finden schnell in den Schlaf.
