Freitag, 30. Oktober 2025
7. Etappe: Le Rove – L’Estaque
14 km, alpin
Als wir Le Rove verlassen, liegt dichter Nebel über den Hängen des Massif de la Nerthe. Der Wind, der uns in den vergangenen Tagen begleitet hat, ist verstummt. Die Landschaft wirkt gedämpft, fast schwerelos. Nur unsere Schritte, und Sienas leises Traben durchbrechen die Stille.
Langsam führt der Weg wieder bergauf. Zwischen Kalkfelsen, Gräsern und niedriger Garrigue öffnet und schließt sich der Nebel in unruhigen Schleiern. Sonnenstrahlen dringen hindurch und legen helle Bänder über die Hänge. Die Landschaft scheint im nächsten Moment zu verschwinden, um gleich darauf in völlig neuer Form wieder aufzutauchen.

Der alte Satz „Morgenstund hat Gold im Mund“ bekommt hier eine eigene Bedeutung. Nicht nur das Meer beginnt zu leuchten, auch der Weg selbst verändert sich mit jedem Lichtwechsel und erneut liegt das Mittelmeer tiefblau unter uns. Diese Augenblicke lassen sich nicht festhalten. Man kann sie nur gehen.
Der Weg wird nun anspruchsvoller.
Große Kalkblöcke liegen im Gelände, der Pfad ist stellenweise ausgewaschen und es geht steil nach unten. Wir steigen, klettern, suchen den nächsten sicheren Tritt. Siena bewegt sich dagegen mit scheinbarer Leichtigkeit durch das Geröll, als wäre dieses Gelände selbstverständlich ihr Zuhause.

Zwischen den Felsen taucht immer wieder die Eisenbahnlinie auf, die sich über Viadukte und Tunnel dicht entlang der Küste zieht. Vor uns erscheint Marseille. Seit Tagen begleitet uns die Silhouette der Stadt am Horizont. Bisher fern, beinahe unwirklich – heute wirkt sie zum Greifen nah. Unser erstes großes Ziel rückt näher.
Am frühen Nachmittag erreichen wir L’Estaque. Obwohl der Stadtteil heute zu Marseille gehört, wirkt er wie ein eigenständiges Küstendorf. Der kleine Hafen liegt geschützt zwischen den Häusern, Fischerboote schaukeln im Wasser, und auf den Terrassen scheint die Zeit langsamer zu vergehen als in der nahen Großstadt. L’Estaque war einst Fischer- und Arbeiterquartier. Im 19. Jahrhundert entstanden hier Ziegel- und Dachziegelwerke, deren Produkte weit über die Region hinaus exportiert wurden. Gleichzeitig zog der besondere Lichteinfall Künstler an – unter ihnen Paul Cézanne, Georges Braque, Raoul Dufy und André Derain, die hier jene Formen und Farben fanden, die ihre Werke prägten.

Schon der Name des Ortes erzählt davon: l’estaco bezeichnet im Provenzalischen den Pfahl, an dem Boote festgemacht werden – ein Bild der Verankerung und des Ankommens.
Unsere Gastgeber empfangen uns herzlich. Ein Kaffee steht bereit, später eine warme Dusche. Danach gehen wir ohne Eile durch die Straßen des Viertels, vorbei an bunten Häusern, kleinen Cafés und dem ruhigen Hafenbecken.
Wir setzen uns ans Wasser. Die Boote schaukeln sanft, das Licht der späten Sonne liegt zwischen den Masten. Nach den windigen Höhen des Massif de la Nerthe wirkt dieser Ort beinahe still.
Und morgen wartet Marseille.

