Samstag, 31. Oktober 2025

8. Etappe:  L’Estaque – Eremitage des Aygalades –  Marseille – Notre Dame de la Garde – Abtei Saint-Victor

ca. 10 km 

Nach einem wunderbaren Frühstück in unserer Privatunterkunft machen wir uns auf den Weg zu einem Ort, den kaum jemand kennt: der Grotte Eremitage des Aygalades.

Ohne die Hinweise unserer herzlichen Gastgeberin hätten wir diesen versteckten Platz wohl nie gefunden. Diese historische Höhleneinsiedelei liegt im Norden von Marseille im Viertel Les Aygalades (15. Arrondissement), direkt an der Autobahn A7. Der Weg dorthin ist nicht ausgeschildert und bewusst nicht touristisch erschlossen. Erst nach mehreren Nachfragen bei Einheimischen erreichen wir schließlich den unscheinbaren Zugang.

Die Grotte berührt uns auf besondere Weise, denn sie vereint zwei sehr unterschiedliche Wirklichkeiten. Sie dient heute Menschen ohne festen Wohnsitz als einfacher Schutzraum – ein Bettgestell, wenige persönliche Gegenstände erzählen davon. Gleichzeitig ist sie seit langer Zeit ein Ort stiller Andacht. Nach regionalen Überlieferungen gehört sie zu jenen Rückzugsorten, die mit Maria Magdalena in Verbindung gebracht werden. Keine große Kirche, kein offizielles Heiligtum, sondern ein stiller Platz, an dem Menschen Kerzen entzünden, verweilen und beten. Hier wird spürbar, wie nah menschliche Not und spirituelle Sehnsucht manchmal beieinanderliegen.

Von der Grotte führt unser Weg weiter zu einer traditionellen Savonnerie.

Die berühmte Savon de Marseille gehört seit Jahrhunderten zum kulturellen Erbe der Stadt. Noch heute wird die echte Marseiller Seife nach traditionellen Verfahren hergestellt: auf Basis pflanzlicher Öle, im großen Kessel verseift und frei von unnötigen Zusätzen. Schon beim Betreten der Werkstatt liegt der Duft von Olivenöl und Pflanzenessenzen in der Luft. Hier wird deutlich, warum die Seifenherstellung weit mehr ist als ein Souvenir – sie ist gelebtes Handwerk und Teil der Identität Marseilles.
Natürlich nutzen auch wir die Gelegenheit, einige kleine Mitbringsel für unsere Familien und Freunde auszuwählen.

Durch Marseille zur Bonne Mère hinauf.

Nachdem wir unsere Rucksäcke im Hotel in Bahnhofsnähe deponiert haben, gehen wir ohne Zeitdruck weiter.

Unser Ziel ist die hoch über der Stadt thronende Notre Dame de la Garde, die uns bereits seit Tagen auf unserem Pilgerweg begleitet. Langsam lassen wir uns durch die Straßen Marseilles treiben – immer der „Bonne Mère“ entgegen. Zwischen engen Gassen, lebhaften Plätzen und den ersten Blicken auf die Basilika beginnt der letzte große Abschnitt unserer Pilgerreise durch die Provence.

Der letzte Abschnitt führt hinauf zur Basilika. Stufen, Wege, kurze Pausen. Die Stadt liegt nun vollständig unter uns, das Meer dahinter weit und glänzend. Mit jedem Höhenmeter wird es stiller, als würde sich der Weg selbst sammeln.

Dann stehen wir oben. Notre Dame de la Garde erhebt sich über der Stadt. Die „Bonne Mère“ blickt hinaus über Hafen, Häuser und Meer, seit Generationen Orientierungspunkt für Seeleute, Reisende und Pilger. Marseille liegt ausgebreitet unter uns: der alte Hafen, die Inseln des Frioul-Archipels, die Küstenlinie der Provence. Alles wirkt gleichzeitig nah und weit, bewegt und still. Hier endet der Weg der Côte Bleue. Hier beginnt Marseille.

Eine schöne Anekdote, oder sollte es wieder einer der vielen Fügungen auf unserer Pilgerreise sein: Die Renovierung der Marienstatue mit dem Jesuskind auf der Spitze der Basilika Notre Dame de la Garde war am Vortrag unserer Ankunft abgeschlossen. Die elf Meter hohe Statue war über mehrere Monate nicht zu sehen, weil sie neu vergoldet wurde. Für die Restaurierung wurden fast 40.000 Stücke Blattgold verwendet, die durch eine Spendenkampagne von Privatpersonen und Unternehmen mit 1,1 Millionen Euro ermöglicht wurde. Am Vortag unserer Ankunft in Marseille kam die renovierte Statue per Helikopter zur Basilika geflogen.  Jetzt ist das Wahrzeichen der Stadt wieder komplett!