Montag, 25. Mai 2026

Etappe 11: Saint-Jean-de-Garguier – Plan d’Aups – Grotte der Maria Magdalena – Hostellerie de la Sainte-Baume

21 km, alpin  

Der heutige Tag wird die anspruchsvollste Etappe unserer bisherigen Pilgerreise. Über 1.000 Höhenmeter liegen vor uns – genau genommen 1.088 Meter im Aufstieg und 687 Meter im Abstieg. Da für den Nachmittag große Hitze angekündigt ist, brechen wir bereits um 6.30 Uhr auf.

Unser Gastgeber begleitet uns über einen schmalen Pfad, der auf keiner Karte zu finden ist, bis zum offiziellen Startpunkt unserer Tour. Der Abschied fällt kurz aus – er muss zurück zu seiner Enkelin, die um diese frühe Uhrzeit noch schläft.

Seine Gastfreundschaft beeindruckt uns. Noch vor Sonnenaufgang hat er bei einem befreundeten Bäcker unseren Tagesproviant besorgt. Eine Geste, die alles andere als selbstverständlich ist. Mit Schinken-Baguettes und frisch gebackenen Pizzabrötchen sind wir bestens versorgt – so gut, dass unser Proviant vermutlich sogar bis morgen reichen wird.

Schon nach wenigen Kilometern beginnt der lange Anstieg. Die Luft ist noch angenehm kühl. Bald erreichen wir die kleine Chapelle Sainte-Claire, die etwas oberhalb des Weges liegt. Die schlichte Kapelle erinnert an die heilige Klara von Assisi und daran, dass die Wege nach Sainte-Baume seit Jahrhunderten von Pilgern begangen werden.

Für Cordula ist dieser Ort weit mehr als eine historische Station. Unwillkürlich wird sie an ihre Pilgerwege von Florenz nach Assisi und weiter nach Rom erinnert. Klara, die treue Weggefährtin des heiligen Franziskus, begegnet ihr nun auf dem Weg der Maria Magdalena. Klara war für Cordula einer der Impulse, überhaupt auf den Maria Magdalena-Trail aufzubrechen. Umso berührender ist diese kleine Kapelle für sie.

Mit jedem Höhenmeter wächst die Weite der Landschaft. Im Westen liegt Marseille, dahinter glitzert die Côte Bleue in der Morgensonne. Im Süden zeichnet sich das Mittelmeer ab, und der Blick reicht weit entlang der Côte d’Azur.

Unser Weg führt durch den Parc naturel régional de la Sainte-Baume, eines der ökologisch wertvollsten Schutzgebiete Südfrankreichs. Die sonnigen Südhänge sind von der typischen Garrigue bewachsen, während an den Nordhängen des Massivs  ein einzigartiges Mikroklima herrscht, das einen uralten Druidenwald mit bis zu 400 Jahre alten Eichen, Buchen und Linden hervorbringt. Hier befindet sich auch die Grotte der Maria Magdalena. Die Dominikaner führen dieses üppige Grün auf die wunderbare Energie von Maria Magdalena selbst zurück.

Wir folgen dem Chemin Forestier de Saint-Clair à Roussargues, passieren die Crête de la Galère und erreichen schließlich eine Passstraße. Dahinter wird aus dem breiten Forstweg ein schmaler Wanderpfad. Mal führt er durch wohltuenden Schatten, dann wieder über offene Hänge, auf denen der Ginster in voller Blüte steht. Sein süßer Duft begleitet uns kilometerweit.

Die morgendliche Stille wird allerdings immer häufiger vom Lärm der Motorräder unterbrochen. Über Stunden hallt ihr Dröhnen durch die Berge. Es wirkt wie ein Fremdkörper in dieser eindrucksvollen Landschaft.

In der Nähe des Pic de Bertagne erreichen wir mit rund 1.040 Metern den höchsten Punkt des Départements Bouches-du-Rhône. Hier kreuzt unser Weg den GR 2013, den Fernwanderweg, der anlässlich der Kulturhauptstadt Marseille-Provence 2013 geschaffen wurde.

An diesem Punkt trennen sich unsere Wege für einige Stunden. Ich, Rose steige nach Plan-d’Aups hinunter, weil mein Wasservorrat zu Ende geht, während Cordula dem Höhenkamm über den GR 98 folgt. Zwei, drei Quellen waren entlang der Tagesroute zwar eingezeichnet, waren aber aufgrund der Hitze zu dieser frühen Jahreszeit bereits versiegt …

Cordula’s Route:

Für mich geht es weiter bergauf bis zu den felsigen Höhenzügen des Pics des Corbeaux. Von hier bis zur Chapelle du Saint-Pilon bin ich der Sonne schutzlos ausgesetzt. Jeder Schritt fordert Kraft, doch die Vorfreude auf mein Ziel trägt mich weiter.

Schließlich erreiche ich die kleine Chapelle du Saint-Pilon, die auf einem markanten Felsvorsprung hoch über der eigentlichen Grotte der Maria Magdalena thront. Seit Jahrhunderten dient sie Pilgern als Orientierungspunkt. Der Überlieferung nach zog sich Maria Magdalena von der Grotte immer wieder hierher zurück, um zu beten. Auch heute lädt dieser Ort dazu ein, innezuhalten und den Blick weit über die Provence schweifen zu lassen.

Im Schatten der Kapelle ruhe ich mich eine Weile aus. Freundliche Pilger versorgen mich mit etwas Wasser, denn auch mein Wasservorrat geht zu Ende. Danach beginnt der steinige Abstieg über zahlreiche Stufen zur Grotte der Maria Magdalena. Heute ist Pfingstmontag. In der Grotte wurde Gottesdienst gefeiert, und deshalb sind noch viele Besucher unterwegs.

Es ist ein vertrautes Gefühl. Nach Tagen der Stille erreiche ich einen bedeutenden Wallfahrtsort und werde zunächst von Trubel und Geschäftigkeit empfangen. Fast scheint dieser kleine „Kulturschock“ inzwischen zum Pilgern dazuzugehören. Doch nach und nach kehren die Besucher ins Tal zurück. Ruhe kehrt ein. Gemeinsam mit Rose und unseren Gastgebern aus La Penne-sur-Huveaune betrete ich schließlich die Grotte.

In diesem natürlichen Heiligtum, das durch jahrtausendelange Erosion geformt wurde, soll sie dreißig Jahre lang in Gebet und Kontemplation verbracht haben. Die Legende besagt, dass Engel sie täglich siebenmal zur spirituellen Stärkung in den Himmel hoben und dass sie nichts als ihr eigenes Haar trug, das wie durch ein Wunder wuchs, um ihren Körper zu bedecken.

Die Grotte ist mindestens seit dem 5. Jahrhundert ein christlicher Pilgerort und damit eine der ältesten in der westlichen Welt. Sie war bereits uralt, als die Dominikaner 1295 als ihre Hüter eingesetzt wurden. Könige von Frankreich – darunter Ludwig IX. (der Heilige Ludwig), Franz I. und Ludwig XIV. – pilgerten hierher. Ebenso taten dies Päpste, Heilige und unzählige einfache Gläubige, die Heilung, Vergebung oder einfach die Nähe zu Maria Magdalena suchten.

Die Felsen-Gruft Sainte Baume, wo Maria Magdalena 30 Jahre gelebt haben soll. ©Manfred Hammes

Das warme Licht der Kerzen erfüllt den Raum mit einer besonderen Atmosphäre. Neben der Statue der Maria Magdalena fließt kühles Quellwasser. Durstig trinke ich einige Schlucke. Unwillkürlich kommt mir ein Wort Jesu in den Sinn:

„Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“ (Matthäus 11,28)

Ich bleibe lange in der Grotte sitzen und bete. Langsam kehrt die Stille zurück. Schließlich ist nur noch ein Dominikanerpater anwesend. Ich bitte ihn um den Pilgersegen – ein bewegender und tief berührender Abschluss dieses langen Tages.

Als die Grotte am Abend geschlossen wird, mache ich mich auf den letzten Wegabschnitt. Etwa zweieinhalb Kilometer führen hinunter zur Hostellerie de la Sainte-Baume, die seit dem 13. Jahrhundert Pilger beherbergt. Bis heute wird sie von den Dominikanern geführt, die die Wallfahrt zur Grotte seit Jahrhunderten begleiten.

Mit diesem Orden verbinde ich viele persönliche Erinnerungen. Bereits während meiner Schulzeit an der Marienschule in Saarbrücken haben mich die Dominikanerinnen – insbesondere Schwester Germana und Schwester Beatrix – nachhaltig geprägt. Dass ich ausgerechnet an diesem besonderen Ort erneut der Spiritualität des Dominikanerordens begegne, empfinde ich als ein kostbares Geschenk.

Rose’s Route:

In einer halben Stunde erreiche ich ohne Probleme Plan d’Aups und kann dort meinen Wasservorrat wieder auffüllen. Am Pfingsmontag fahren die öffentlichen Busse nicht und die 6 km bis in die Hostellerie de la Sainte-Baume an der Straße entlang liegen in der sengenden Mittagshitze. Zwei Kilometer laufe ich so bis ich mich schließlich für Auto-Stop entscheide und – Daumen raus –  mich toutesuite ein freundlicher junger Mann bis zum Dominikaner-Kloster mitnimmt.

Ich beziehe unser schönes Pilger-Zimmer, um mich so schnell wie möglich und ohne Gepäck auf den Chemin des Roys – den Königsweg zur Grotte hinauf zu begeben. Er führt durch einen uralten Wald, der fast wie ein Urwald wirkt. Mächtige Eichen, Buchen und Linden, einige über 400 Jahre alt, begleiten mich auf meiner 45-minütigen Wanderung. Kreuzwegstationen markieren den Pfad. Die Luft wird kühler. Und dann, ganz plötzlich, weichen die Bäume zurück und man erreicht den Höhleneingang – ein riesiges, in die Felswand gehauenes natürliches Amphitheater, das hunderte Pilger fassen kann.

Im kühlen Inneren der Grotte geht gerade der Pfingst-Gottesdienst zu Ende. Ich warte bis sich die Menge nach draußen begibt.  Die Felsen-Kapelle mit Altar enthält auch einige Reliquien von Maria Magdalena. Ein Dominikanerbruder ist immer anwesend und führt eine Gebetstradition fort, die hier seit über sieben Jahrhunderten andauert. Die Grotte ist das ganze Jahr über zugänglich, obwohl der Weg bei feuchtem Wetter rutschig sein kann. Festes Schuhwerk ist also unerlässlich.

Am Abend, in der Hostellerie treffen Cordula und ich uns wieder. Dankbar nehmen wir – etwas verspätet – am gemeinsamen Abendessen im großen Speisesaal teil. Unser Zimmer ist schlicht und zweckmäßig. Vor der Kirche blühen Rosen, und über den Dächern erhebt sich das Massif de la Sainte-Baume. Noch vor wenigen Stunden waren wir dort oben unterwegs. Nun endet dieser intensive Pilgertag in tiefer Dankbarkeit, großer Ruhe und mit dem Gefühl, an einem ganz besonderen Ort angekommen zu sein.